Eine Begeisterung fürs Leben

30. September 2014 · Autor: Redaktion · Druckversion Druckversion

„Gib nicht auf. Das Rennen ist erst zu Ende, wenn du die Zielflagge siehst.“ Unter dieses Motto hat Erik Mail sein Leben gestellt. Der Stomaträger aus Höxter ist begeisterter Motorsportfan und organisiert mit Leidenschaft Motorradtouren für ebenfalls Betroffene.

Foto: Erik Mail in Motorradkleidung auf seinem Mottorrad

Ein Beitrag aus Coloplast-Kundenmagazin Wendepunkt, Sommer 2014

So lange Erik Mail sich erinnern kann, schwärmt er für Motorsport. Wenn seine Schulkameraden zum Fußballtraining aufbrachen, radelte er zum nahe gelegenen Hockenheimring und beobachtete dort die Rennteams. „Als Kind habe ich hier Niki Lauda als Nachwuchstalent beobachtet“, erinnert sich der heute 51-Jährige, gerne auch an die familiäre Stimmung an der Strecke. „Wenn ich ein Autogramm wollte, haben mich die Teams oft noch auf ein Würstchen eingeladen.“

Es ist ein Montagvormittag Ende April in Höxter. Nieselregen fällt. Erik Mail schiebt für uns seine rote Triumph Sprint aus der Garage. In dem Einfamilienhaus mit dem großen Garten gut 50 Kilometer nördlich von Kassel lebt er mit seiner Frau Elli und deren Tochter. Von hier aus organisiert Erik Mail seine Motorradtouren – auch die der Känguruh-Rocker, die in diesem Juli zum 16. Mal gemeinsam starten. Die Idee, eine Fahrt für ebenfalls Betroffene anzubieten, kam dem Stomaträger, als er 1997 von Motorradtouren der DCCV (Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung e. V.) hörte. Doch reizte ihn die damals vorgeschlagene Strecke mit ihren vielen Pausen und lediglich 100 Kilometern Länge nicht. „Mit einem Stoma ist ja eigentlich eine ganz normale Tour möglich. Ich plane lediglich alle 1,5 Stunden eine Toilettenpause ein.“

Aus ganz Deutschland

Die erste Fahrt fand 1999 mit 30 Teilnehmern auf 22 Motorrädern im Nordschwarzwald statt. Seitdem stellt Erik Mail jährlich landschaftlich reizvolle Touren von 200 bis 300 Kilometern Länge zusammen – etwa durch Rhön, Sauerland, Thüringer Wald, Eifel, Harz, Tirol, Fränkische Schweiz oder Oberbayern. Willkommen sind alle, die ein Stoma haben und/oder an Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder Darmkrebs leiden, sowie ihre Partner. Mittlerweile sind Teilnehmende aus ganz Deutschland, manchmal auch aus der Schweiz und Österreich dabei – über die Jahre sind so viele gute Freundschaften entstanden. „Wir haben ja auch sofort zwei Gemeinsamkeiten“, erklärt Erik Mail und lacht: „Die Leidenschaft fürs Motorradfahren und ein Stoma. Es fährt sich einfach entspannter, wenn jeder weiß, worum es geht. So hat man auch keine Hemmungen, wenn es mal gluckert.“

Für eine angenehme Tour hat sich der gelernte Maschinenschlosser und Kfz-Mechaniker an seiner Lederhose auf Höhe des Stomas eine zusätzliche Tasche aufsetzen lassen. „So kann der Beutel volllaufen, ohne dass die Motorradkluft ihn abdrückt“, erklärt er. Von seinem Stoma lässt er sich im Alltag nicht behindern, kümmert sich um Garten und Haus, auch wenn die Erkrankung sein Leben verändert hat: Erik Mail ist 19, als bei ihm Morbus Crohn festgestellt wird. Im Laufe der Jahre bilden sich Fisteln und Analabszesse. Teile des Dickund Dünndarms, später der gesamte Dickdarm samt Rektum müssen entfernt werden. Erik Mail bekommt mit 25 ein Ileostoma, später ein Kolostoma, ein Split-Stoma und wieder ein Ileostoma. Die letzte von insgesamt 14 Operationen fand 2001 statt.

Größter Traum erfüllt

Foto: ein älteres Foto zeigt Erik Mail zu der Zeit, als er noch aktiv Rennen fuhr

„Als ich mein erstes Stoma bekam, war das ein Riesenschock“, erinnert er sich heute. Der erste künstliche Ausgang wurde zu hoch angelegt und war außerdem undicht. „Ein Jahr passten nur Latzhosen, das war modisch gesehen natürlich eine Katastrophe“, so Erik Mail. „Damals habe ich wirklich gedacht, mein Leben ist vorbei, für mich wird sich niemals eine Frau interessieren.“ Seine Ausbildung zum Automechaniker schließt er dennoch ab, fährt neben dem Motorrad auch professionelle Amateurrennen im Automobilrennsport. Sein Geld verdient er als Rennmechaniker, begleitet Teams in ganz Europa – „eine tolle Zeit.“ Bei Rennen ist er für Getriebe, Motoren und Fahrwerk zuständig. „Andererseits war das körperlich sehr hart – der wenige Schlaf, die fehlende Rücksichtnahme auf körperliche Schwächen …“.

Im Alter von 31 Jahren wird er zunächst krankgeschrieben und dann vorzeitig verrentet. Seine Leidenschaft für Motorsport hat ihn dennoch nicht losgelassen. Seinen größten Traum, einen Besuch der Tourist Trophy – eines der gefährlichsten Motorradrennen der Welt auf der Isle of Man/Irische See – hat er sich schon mehrmals mit einem Freund erfüllt.

Viel Verständnis erhält er auch von seiner Frau (ebenfalls Morbus-Crohn-Patientin), die ihn häufig bei seinen Motorradtouren begleitet. Mögliche Vorurteile in Bezug auf sein Stoma ignoriert er. „Wo Menschen mir offen und interessiert begegnen, spreche ich von meiner Erkrankung. Aber ich laufe nicht ständig herum und erzähle davon. Manche Bekannte wissen gar nichts von meinem Stoma.“

 Känguruh-Rocker-Motorradtour 2015 

Die 17. Tour findet vom 2./3. bis 5. Juli 2015 statt. Treffpunkt ist das Hotel Sturm in Mellrichstadt. In drei Gruppen wird es durch die Regionen Rhön-Thüringen und Steigerwald gehen (Strecke: 250 km +/- 50 km). Anmeldeschluss ist der 15. April 2015. Infos im Stoma-Forum und unter www.kaenguruh-rocker.de.

Quelle: Coloplast-Kundenmagazin Wendepunkt, Ausgabe Sommer 2014, mit freundlicher Genehmigung

Kategorie: Erfahrungsberichte, Leben mit Stoma

 

 

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