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Vom Schicksal gebeutelt, Teil 3

Erfahrungsbericht einer Ileostomieträgerin: Schamgefühl

In mir steigt während Bahn- oder Autofahrten mitunter Übelkeit hoch. Um für den Notfall gewappnet zu sein, stecke ich für unterwegs kleine Plastiktüten ein. Gottlob, denn unlängst musste ich mich nach einem Knochenszintigramm in der Straßenbahn wiederholt übergeben. Die Leute um mich herum suchten das Weite und begannen über mich zu tuscheln. „Die ist wohl betrunken?“ „Die hat nicht alle Tassen im Schrank“ lauteten einige ihrer abschätzigen Aussagen.

Ich fühlte mich derart erniedrigt, dass ich am liebsten in den Erdboden versunken wäre. Nur mit Mühe konnte ich meine Tränen zurückhalten. Diese Herzlosigkeit gegenüber dem Leid anderer kränkte mich. Unfähig, meinem Schmerz mit Worten Ausdruck zu verleihen brach ich in stilles Schluchzen aus und zog mich in mein Schneckenhaus zurück.

Einmal, als ich mit der Straßenbahn unterwegs war, löste sich die Basisplatte des Beutels. Hose und Bluse waren durchnässt. Das Malheur war weder zu übersehen noch zu überriechen. Ich hätte vor Scham in den Boden versinken können. Mir war, als würden sich die verächtlichen Blicke der Mitreisenden in meine Haut brennen. Jedenfalls getraute ich mich nicht, ihnen ins Gesicht zu sehen. Die letzten zehn Minuten der Bahnfahrt dauerten für mich eine Ewigkeit.

Wie erleichtert war ich, als ich am Bahnhof in ein Taxi einsteigen konnte, das mich innerhalb weniger Minuten nach Hause fuhr! Nach diesem Malheur hielt mich Angst, das so etwas noch einmal passieren könnte, lange Zeit vor weiteren Straßenbahnfahrten ab.

In angst- oder schambesetzten Situationen versuche ich mir bewusst zu mache, wie ich selbst zur eigenen Unsicherheit beitragen. Dies verhilft mir mitunter selbst schädigende Verhaltensmuster zu durchbrechen. Die eigene Sichtweise relativiert sich und die Empfänglichkeit für neue Lernerfahrungen nimmt zu. Demzufolge hat sich mein Repertoire an Problemlösungsstrategien erweitert, wodurch sich mir „ungeahnte“ Möglichkeiten eröffneten. Jedenfalls lernte ich, wenn auch oft hart erkämpft, mich in komplexen Lebenssituationen freier, um nicht zu sagen wieder fast wie früher zu bewegen und zu verhalten.

Die erhöhte Selbstbeobachtung hat mich im Laufe der Zeit für meine körperlich-seelischen Vorgänge zunehmend sensibilisiert. Auswirkung meiner geschärften Wahrnehmung ist ein intensiveres Erleben im Hier und Jetzt. Dank dieser bewussten Lebenseinstellung bin ich in der Lage, mich über Kleinigkeiten zu freuen, die ich früher gar nicht registriert hätte. Ich habe gewissermaßen über die Nähe zum Tod die Einmaligkeit meines Lebens erst richtig begriffen und somit schätzen gelernt.

Erika lebt nach einer Darmkrebserkrankung mit einem Ileostoma. In einem Erfahrungsbericht hat sie uns geschildert, wie für sie das Leben mit ihrem Stoma aussieht. In den kommenden Monaten werden wir weitere Teile ihres Berichts auf Stoma-Welt.de veröffentlichen. Darin schreibt Erika über ihren täglichen Umgang mit ihrem Stoma, Einschränkungen bei der Hausarbeit, ihre Freizeitaktivitäten und wie das Stoma ihre Einstellung zum Leben veränderte.